Von Windelfrei und Kraut und Rüben

Stilles Örtchen Laufen Lassen

Babys brauchen keine Windeln.

3/4 der Familien auf diesem wunderbaren Planeten benutzen keine Windeln. 

9 von 10 Kindern kommen auf diese Welt und signalisieren deutlich, wenn es an der Zeit ist sich ihrer verdauten Nahrung wieder zu entledigen.

Sie wollen gerne mit uns über ihre Ausscheidungen kommunizieren und sind sehr empfänglich dafür, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, sauber zu bleiben.
Allein unsere Kultur sieht das seit Generationen nicht mehr vor. 

Ungläubige sind wir, mit großen Augen staunen wir, wenn wir sehen, dass das geht: Kind signalisiert, wird über ein Gefäß gehalten und lässt laufen.

Großartig, dachte ich mir, als ich meinen geliebten Sohn noch in einer dicken Wampe unter meinem Herzen trug. Das machen wir auch. 

Und die ganzen wunderbaren Nebeneffekte:

  • mein Kind wird früher und leichter trocken
  • wir haben keine Windeldermatitis zu erwarten
  • wir sparen haufenweise Wäsche
  • ….

Natürlich könnte ich euch als Artgerecht-Coach jetzt erzählen, was Windelfrei bedeutet, wie es läuft und was ihr dafür braucht. Das mache ich auch gerne und dazu halte ich Vorträge. Heute aber erzähle ich euch lieber von unserer eigenen, einzgartigen, wild durcheinander Kraut und Rüben Windelfrei-Geschichte.


Es folgte auf entspannte Ideenspinnerei mit Bauch im August 2014 Tag X, an dem ein wunderbares Menschenwesen mit feurigem Temperament und unglaublich viel Liebe das Licht der Welt erblickte und all meine Aufmerksamkeit im Sturm eroberte.

Ganz plötzlich war in meinem blutjungen Mama-Dasein überhaupt kein Platz mehr für großartige Ideen. Ich war schon froh, wenn ich Stillen und Schlafen kapiert habe.

Alle Stimmen in mir und um mich herum waren lauter als meine Intuition. 

Die Signale, die ein Baby geben soll… meines ist das zehnte, das keine zeigt. 

Standardsituationen wie nach dem Schlafen oder während des Stillens… ich hab gefühlt tagein, tagaus, in die Nacht, während selbiger und wieder aus ihr heraus: gestillt. Und mein Sohn hat am liebsten und besten mit dem Original im Mund geschlafen, Schnuller waren was für andere. 

Ich entließ Windelfrei in die Freiheit und dort tummelte es sich munter im Land der tollen Ideen. 

Ich war eine der Mamas, denen ich heute rate: Lass gut sein. Wickel dein Kind und geießt euer Dasein und euer So-sein. 

Doch es ließ mich nicht los. Irgendwann zwischen Phase, Phase und Phase hatten wir auch mal eine Woche totaler Entspannung. Und ich, voller Tatentdrang, ließ mein Kind nackig auf einer Unterlage strampeln und guckte mal, was passiert. 

Was passiert ist… mein Kind samt Unterlage war nass als ich wieder aufwachte.

Ok. Ich hab ja auch gelernt: Schlaf hat Priorität. Immer. 

Also zweiter Versuch: Der Inbegriff von konsequent daneben… und diesmal war ich dabei wach.

Hoffnungsloser Fall. Zurück zur Windel.

Irgendwann hatten auch wir so etwas wie einen Tagesrhythmus gefunden. Einen mit zwei Schlafphasen, in denen ich mich (oder zumindest die Brust) entfernen durfte. Da gab ich dem Schlaf-Timing nochmal ne Chance. Und siehe da! Erfolgserlebnis jucheee! Kind wacht auf, Schüssel neben dem Bett. Ich halte ihn ab und… Das klappt ja wirklich! 

Haben wir dann gemacht. Nicht allzu oft. Und dann wieder nicht mehr. 

Ungeschminkte Realität nach dem ersten Anflug von Euphorie sah nämlich so aus: Nächte unruhig, Mama müde. Kind schläft tags. Mama auch. Kind wacht auf. Kind mag an die Brust. Mama hat keinen Bock, sich mehr zu bewegen als unbedingt nötig. Jede Minute mehr minimaler Bewegung und maximalen Dösens zählt!

Und dann wurde der Bub mobil. So mobil, dass er mir heiter mitteilen konnte, was er vom Wickeln so hält. Er krabbelte einfach davon. Und ich wickelte hinterher. Auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf den Knien… wie ich ihn eben gerade so erwischen konnte. Oder halt einfach mal nicht. Es war Frühjahr/Sommer. Und das Kind war glücklich und zufrieden. Wenn ich merkte, dass er mal musste, und er es zulies, hielt ich ihn ab. Wenn nicht, griff ich beherzt zu Eimer und Lappen. 

Was mit etwa neun Monaten seicht begann, wuchs sich zunehmend aus: Des Jungen Unmut das Wickeln betreffend. Es kam der Tag, an dem ich ihn wickelte während er sich lautstark mit Händen und Füßen versuchte herauszuwinden. 

Das war der Tag, an dem ich genauso lautstark beschloss: So hab ich mir die Beziehung zu meinem Kind aber nicht vorgestellt. Nur weil ich mehr Kraft habe, habe ich lange nicht das Recht, seinen Willen derart zu übergehen. 

Und da war sie wieder. Es grüßte die großartige Idee aus dem Land der Ideen: Windelfrei.
Unsere Erlösung aus einem zunehmend sich zuspitzenden Machtkampf um die Wickelei. 

Mein Sohn war 16 Monate, wir umgezogen ins Eigenheim: gefliest und mit Fußbodenheizung. 

Was die Monate zuvor eher halbherzig geschah, bekam jetzt Zug. Und die nötige Ruhe meinerseits. Meine Fliesen, warm genug. Statt Mietswohnung, Parkett und Herbstfrische.

Der Deal: 

Wir schenken dem Sohn die Freiheit.
Keine Windeln und keine Hosen. Tagsüber. Solange wir zu Hause sind.

Er war ja nun schon Läufer und konnte bequem auf dem Potty sitzen. Und ich war total hin und weg. Der Sohn fands total spannend. Wir hatten einen echten Lauf. Beim großen Geschäft marschierte der Bub schnell ganz ohne großes Bremborium aufs Potty und sagte A-A. Stolz wie Oskar. Wir beide!

Pipi war nicht immer so zuverlässig – aber dafür ist die Welt einfach zu spannend und spielen zu wichtig.

Aufgefallen war mir: Ist der Bub nackig oder wenigstens unten ohne, dann klappt das mit dem Anzeigen und rechtzeitig auf den Pott gehen prima. Hat er auch nur irgendetwas untenrum an, konnte ich Wetten abschließen, dass das nass wird. 

Klar hab ich regelmäßig gewischt, aber das war mir bedeutend lieber, als meinen Bub in die Windeln zu zwingen.

Prima Spätstarter-Einstieg. Ok. Extrem spät. Aber ein Segen für diesen unsäglichen Wickelstreik.

Bis der nächste Streik anklopfte. 

Nach einiger Zeit wurde ich das Gefühl nicht los, ich sehe ständig Zeichen und dafür wische ich einfach viel zu häufig. Und die gesparte Windelwäsche drückte sich schlicht in anderen Textilien aus. Meine freundichen Hinweise à la “ Musst du mal?“ wurden zu „Du musst mal“. Und die Antwort des Nachwuchses war immer häufiger eine deutliches: „Nein“

In einem unvergesslichen Moment machte ich meinem geliebten Kind, das viel zu viel von meinem Starrsinn geerbt hat, ein Angebot. 

Der unvergessliche Moment:

Kind nackig.
Ich „Wenn du mal musst, geh bitte aufs Potty“
Kind steht neben dem Potty
Kind sagt „Nein“
Kind lässt laufen.

Mein Angebot:

„Ich sehe also, du magst für Pipi weder aufs Potty noch aufs Klo gehen. Ok. Dann hab ich hier eine Alternative für dich.“ 

Zurück zur Windel. Welche der Junge, da er sich nun gesehen und verstanden fühlte und ausgiebig experimentieren durfte, bereitwillig annahm. Zu unser aller Glück.

Das mag etwa um seinen zweiten Geburtstag herum gewesen sein. Genau weiß ich das nicht mehr. Ein Vollzeitwickelkind ist er nie mehr geworden. Gerade im Sommer springt er dafür einfach viel zu gerne freikörperkulturell. Das große Geschäft landete seither nur noch einmal in einer Windel. 

Der Bub ist jetzt etwas über zweieinhalb Jahre alt. 

Seit unserem Windelfreiexperiment entscheidet hauptsächlich er, wann er eine Windel tragen will und wann nicht. Er ist aber halt auch ein entscheidungsfreudiges Kind. Zuerst bot ich ihm regelmäßig an – wenn die Situation entspannt genug war für alle Beteiligten – Potty oder Klo zu benutzen. Heute geht er einfach. Gerade jetzt, wo es warm wird, auch gerne mal raus in den Garten: „Garten Pipi“. Bitteschön. Das Kind ist glücklich, die Natur verträgt`s. Auch bei den Großeltern verzichtet er auf die Windel. Genauso wie unterwegs. Er hat entschieden, dass er beim Mittagsschlaf keine Windel mehr braucht und er hat entschieden, dass er jetzt auch auf die Nachtwindel verzichtet. Aktuelle Herausforderung: Vertrauen und die Entscheidung des Kindes voll und ganz respektieren. Und ja, das Bett wurde schon auch mal nass. Ich werde aber einen Teufel tun, sein Selbstbewusstsein an dieser Stelle zu untergraben. Er sagt, er kann das. Dann kann er das. Und wenn mal was daneben geht: Nächstes Mal hat`s eine neue Chance, rechtzeitig das Potty aufzusuchen.

Vier Dinge, die ich aus unserer Kraut-und-Rüben-Windelfrei-Zeit gelernt habe:

  1. Kommunikation ist alles
  2. Niemals aufgeben. Es findet sich immer ein Weg
  3. Wenn`s nicht entspannt ist, macht`s keinen Sinn
  4. Sein lassen können ist eine Tugend

An alle Eltern da draußen:

Windelfrei ist keine Methode. Windelfrei ist kein Schema-F-Konzept. Windelfrei bedeutet nicht mehr und nicht weniger als mit eurem Sprössling über sein natürliches Bedürfnis, sich zu erleichtern, in Beziehung zu treten. 

Zu welchem Zeitpunkt? Wenn es passt.

Wie lange? Wie es passt.

Hauptsache ihr habt eine gelassene Basis und Freude daran.

Babys brauchen keine Windeln. Mamas (wie ich) schon.

Viel Freude beim Experimentieren!

Eure B

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Ein Kommentar zu “Von Windelfrei und Kraut und Rüben

  1. Danke! Der Artikel ist super.
    Gerade der Schluss!

    Wir machen windelfrei zBsp nur beim großen Geschäft, seit Geburt an. Das läuft prima! Seit ca nem Monat geht nix mehr in die Windel (Kind jetzt 9 Monate). Davor war es sehr selten.
    So gehts auch, wir nehmen Stoffwindeln und da kommt das Pipi rein.

    Nachts: never. Ich brauch meinen Schlaf 😉

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