Frei Frau Freude

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„Shhh! Sie wandelt zwischen Welten gerade eben. Du kannst sehen, wie sie die Spannung des Nicht-Wissens aufrecht erhält – sie atmet einfach in ihre unbeantworteten Fragen hinein.

Manchmal drinkt sie ihren Kaffee mit zitternden Händen, wenn sie nicht weiß wohin sie ihre Beziehung oder ihr Bankkonto führen. Aber es ist Zeit: Sie hält die Spannung des Nicht-Wissens aus und ist nicht bereit, den Panik-Knopf zu drücken. Sie verlernt tausende Jahre Konditionierung. Sie ist nicht hin- und hergerissen zwischen den gegenläufigen Kräften von Angriff und Flucht.

Weder ist sie naiv, noch ist sie ignorant. Sie ist eine Frau der Grenzlande, ebnet neue Wege und trifft neue Entscheidungen. Sie ist bereit, eine neue, wundervolle Möglichkeit entstehen zu lassen. Du magst sie wohl sehen jetzt, wie sie an Schwellen oder Kreuzungen steht, wie sie in ihren Körper atmet und achtsam auf Zeichen in ihrem Inneren lauscht. Sie lernt neue Fähigkeiten, sich zu orientieren als sie ankommt an dem höchst magischen Moment in ihrem Leben.“

(Im englischen Original von Sukhvinder Sircar)

 

Als Frau in unseren Breitengraden bin ich seit wenigen Jahrzehnten privilegiert.

Ich habe lesen, schreiben und rechnen gelernt, habe studiert, darf arbeiten, tanzen und reisen. Ich habe mir meinen Mann selbst wählen dürfen und ihn geheiratet, Familie gegründet.

Und trotz all dieser ach so jugendhaften Privilegien… bin ich denn frei?

Gesellschaftliche Erwartungen gibt es viele. Frau hat adrett zu sein, anständig und bloß nicht zu wild. Frau streitet nicht, kämpft nicht, hält ein und hält aus. Frau ist Partnerin, Frau ist Mutter, Frau ist berufstätig.

Und wenngleich ich mir meinen Beruf frei habe wählen dürfen, wurde sehr schnell klar, dass Unternehmensberatung, liebevolle Beziehung mit Nähe und Kinderwunsch nicht gerade ideal zusammenpassen. Und auch sonst soll es dort draußen noch Arbeitgeber geben, die sich vor werdenden und jungen Müttern als unglückverheißenden, das Unternehmen ruinierenden Kräften fürchten.

Und dann wird Frau Mutter. Und plötzlich fällt der Schleier der Privatsphäre und der Vorhang zur Podiumsdiskussion geht auf. Jeder weiß etwas zu meinen und gaballtes Besserwissen direkt und unverholen zu adressieren. In den seltensten Fällen hat man danach gefragt und noch seltener ist die Einmischung hilfreich. Und wenn nochmal irgendein völlig fremder, dahergelaufener Mensch in der Bahn meint, er müsse die ach so süßen Füße meines Kindes begrapschen, werd ich zum Tier.

Der guten Dinge drei hätten wir da nun noch Frau Partnerin. Eine liebevolle, fürsorgliche, ordentliche Frau, geistreich, attraktiv und leidenschaftlich.

Hüte, Hüte, überall Hüte.

Hüte aus dem Stroh und Filz vergangener Tage voller Gewohnheiten und Prägung, verziert mit Konventionsblütchen und Fesselbändchen.

Fuck it. Ich mag einfach mal nichts und gar nichts müssen und auch gar nichts sollen. Für einen Moment nichts und niemand sein. Für einen Moment mal alle Bilder von mir in Rauch aufgehen lassen: Alle Bilder, die ich von mir habe. Alle Bilder, die andere von mir haben. Und alle Bilder, die ich meine, dass andere von mir haben gleich mit.

Nichts wissen. Nichts wollen. Nichts sollen.

Einfach mal in Ruhe sein und mich des Lebens freuen.
Ganz und gar grundlos.
Anständig wild und ein bisschen verrückt.

Vom Wind treiben lassen, zwischen den Welten weilen und die Nase in die Sonne recken.
Im Anflug größtmöglicher Panik einfach nur zusehen und lächeln.
Ein bisschen Dorothy mit roten Schuhen weit weg von Kansas in guter Gesellschaft. Ein bisschen Alice down the rabbit hole.

Ich leih mir jetzt den Schirm von Mary Poppins, fliege zum verrückten Hutmacher und trinke Tee.

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