Stille.

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Stillen ist nichts,
das uns angeboren ist,
kein Programm, welches Mutter und Kind einfach aufrufen,
weil das Kind jetzt eben da ist.

Stillen, das lernen wir.

Hand hoch:

Wer wusste das?! 
Ich hatte ja keine Ahnung!

Stillen, das lernen wir.

Stillen ist ein unglaublicher, tief sensibler und nachhaltig beeindruckender Prozess in der Interaktion von Mutter und Kind. Die ganze Stillzeit lang – sei das ein einziger Moment oder über Jahre hinweg.

Und da stehen wir Mütter heute:

Viele von uns großgezogen mit der Flasche, weil die Propaganda der Zeit so hervorragende Arbeit geleistet hat, dass Generationen von Müttern tatsächlich glaubten, Formula sei die gesündere Alternative zur Muttermilch. Oder: Stillen sei nicht mehr zeitgemäß. Oder: Keinen Zugang hatten zu einer erfahrenen Stillberaterin oder Hebamme, die die Angst, man könne mit einer Hohlwarze nicht stillen, aus dem Weg räumt und sanft die ersten Schritte begleitet.

Wir sind die Enkelkinder der Frauen, die mit 18 Jahren in einem Mütterkurs ganz im Geiste der Johanna Haarer eingeimpft bekamen, ihre Kinder die ganze Nacht alleine zu lassen – auch wenn sie schrien – und nur ja nicht öfter als alle vier Stunden zu stillen: denn die lieben Kleinen sollten doch selbständig werden und tanzen der Autorität später nur auf der Nase herum, wenn man sie verwöhnt: Die Geburtsstunde eines Schimpfwortes, welches eigentlich ein Grundrecht ist.

Da stehen wir Mütter also und uns fehlen die Vorbilder.

Unsere Mütter können uns – und das oft allzu schweren Herzens – nicht teilhaben lassen an ihrer Stillerfahrung. Unsere Mütter, Schwiegermütter und Großmütter sind den Lügen und der Härte eines Systems anheimgefallen, haben ihm vertraut, die Propaganda geglaubt und glauben vielleicht heute noch daran.

Da stehen wir Mütter also und haben mit der interessengeleiteten Informationsflut unserer eigenen Zeit zu kämpfen, sind hin- und hergerissen zwischen Intuition und Information.

In unseren Breitengraden ist eine Mutter, die ihr Kind stillt, in der Öffentlichkeit mäßig gesellschaftsfähig. Also sehen wir das nur selten. Je älter die Stillkinder werden, desto rarer wird der Anblick. Ammenmärchen – neue wie alte – halten sich hartnäckig: Muttermilch hätte ab dem sechsten Monat nicht mehr genug Nährstoffe heißt es da zum Beispiel (das Thema „Eisenversorgung“ ist da gerne genommen). Oder: Saugverwirrung, das gibt es doch gar nicht. Oder vielleicht auch: Wenn es im Sommer richtig heiß ist, dann braucht das Baby zusätzlich Wasser oder Tee. Meine Oma fragte gerne und sehr regelmäßig, ob ich denn überhaupt noch genug Milch hätte. Ich erinnere an die Generation, die eingeimpft bekam, nur maximal alle vier Stunden zu stillen und Nachts gar nicht: Da hätte wohl jede Frau schnell wirklich zu wenig Milch produziert.

Stillen, das lernen wir.

Aber von wem nur?

Wo sind die Quellen, die unser Vertrauen verdienen, die uns und unseren Nachwuchs bereichern, nicht irgendwen sonst?!

Wer sagt uns, dass alles in Ordnung ist, alles „normal“.
Dass das, was wir wirklich brauchen universale Ruhe und ein unerschöpflicher Topf Geduld ist. Dass unsere Männer und unsere Familie, unsere Freunde drum herum uns am besten helfen, wenn sie uns füttern, hegen, pflegen und schützen, damit wir alle Energie haben, das selbe für unsere Kleinen zu tun.

Mit Glück sind es Hebammen, die unseren Start begleiten, die einzig im Dienst ihres Herzens und dem Wunder der menschlichen Natur stehen.

Dann gibt es die Still-und Laktationsberaterinnen IBCLC, von denen einige auch über den Krankenhausaufenthalt hinaus beraten.

Es gibt uns Artgerecht-Coaches, die ein ganzes Stück weiterhelfen können.

Fantastische Arbeit leisten auch die beiden Verbände La Leche Liga (LLL) und die Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (AFS).

Mütter! Geht da raus und trefft euch miteinander. Teilt eure Sorgen, teilt eure Freuden. Beides hilft.

Zeigt euch stillend, denn es ist das natürlichste auf der Welt und die für euer Baby passendste Nahrungsquelle, Quelle der Nähe, Quelle der Geborgenheit, Quelle der Ruhe und der Entspannung.

Mütter! Geht in euch und hört auf eure Herzen. Keine andere Stimme hat es je verdient, zuvor gehört zu werden.

Ihr seid die Mütter. Ihr seid die, welche Leben gebären, es hegen, es pflegen, es schützen.

Ihr seid Wunder.

 

 

Achtung!
Dies ist der Artikel einer stillenden Mutter. Langzeitstillend. Alle Mütter da draußen, die ihr euch für Formulamilch entschieden habt oder die Umstände es einen Segen sein lassen, dass es ebenjene gibt: Vielleicht fühlt ihr euch hier einfach nicht angesprochen. Falls aber doch, will ich, dass ihr wisst: Ihr und eure Entscheidung seid völlig in Ordnung ❤

 

 

Das Bild:
Von Wenzel Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6237973

 

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