Geburtshilfe im ländlichen Raum. Willkommen in der Wüste Ödnis.

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Im Dezember kam ich aus Stuttgart zurück in meinen Heimatort. Sand am Main ist eine 3000-Seelen-Gemeinde in den Haßbergen. Ich stelle fest: In Sachen Geburtshilfe bin ich in der Wüste gelandet. Oasen sind weit verteilt, man nimmt, was man kriegen kann. Von der üppigen Landschaft, die mir in Stuttgart zur Verfügung stand, ist hier nicht ein Schimmer zu erahnen.

Das nächste Geburtshaus: Bamberg, rund 30km entfernt.

Die nächste Kinderklinik: Schweinfurt oder Bamberg, beides rund 30km entfernt.

Anzahl der Hebammen, die Hausgeburten durchführen: 1. In Gochsheim. Rund 30km entfernt.

Stillberaterinnen im Umkreis von 30km: 1

Trageberaterinnen im Umkreis von 30km: 1

Die nächste Entbindungsklinik: Haßfurt, 10km entfernt. Kleine Klinik, schön familiär, im Schnitt eine Geburt am Tag. Ambulante Entbindung möglich. Für Gebärende, die nicht auf eine Kinderklinik bestehen, aber gerne im Klinikumfeld gebären möchten, ein guter Ort. Und schnell und gut zu erreichen.

Nun ist die Geburtshilfe Haßfurt angezählt. Am 06.06.2016 wird eine Entscheidung fallen. Und mit dieser vielleicht die letzte Möglichkeit im Umkreis von 30km in einem ruhigen, familiären Umfeld mit Kliniksicherheit zu gebären.
Denn ruhig, familiär und zum Wohlfühlen ist nicht rentabel. Der gesamte Klinikkomplex Haßberge schreibt rote Zahlen. In der Geburtshilfe zwei Ärzte und neun Hebammen pro Tag für eine Geburt am Tag da zu haben macht summa summarum eine teure Geburt. Zu teuer, rein wirtschaftlich betrachtet, um sich das weiterhin zu leisten. Des Pudels Kern – und der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail – liegt gerade in einer Leistung, die man als Gebärende ganz und gar nicht missen möchte: Der Notfallkaiserschnitt, für den rund um die Uhr ein Team aus Ärzten, Hebammen, Schwestern und Anästhesisten einsatzbereit ist. Ein perfider Kostentreiber für eine kleine, aber bedeutsame Station.

Das ist sie nun, die traurige Realität: Eine Geburtshilfe bräuchte wenigstens 1000 Geburten im Jahr, um rentabel zu laufen. 365 sind da einfach zu wenig.

Und so schließen die kleinen Abteilungen, eine nach der anderen. Haßfurt ist nur ein trauriges Exempel von weiteren 30 auf der Bayrischen Landkarte in den letzten zehn Jahren. Deutschlandweit bin ich nicht im Bilde.

Die Wege in die nächstgelegenen Kliniken werden weiter. Ebendiese Kliniken werden voller. Der personalseitige Kostendruck ist auch dort deutlich spürbar. Eine Hebamme hat gleich mehrere Geburten gleichzeitig zu begleiten. Die Zeit für warme Worte über die Abfrage der Standardwerte hinaus frisst der Stress. Es gibt Kliniken, die Hochschwangere in den Wehen weiterschicken, weil sie übervoll sind.

Geburten sollten also möglichst schnell von Statten gehen, es wird häufig eingegriffen, oftmals voreilig. Am Ende kommt es tendenziell eher zu Komplikationen. Kompliziert verlaufende Geburten haben meist einen negativen Einfluss auf das Stillen und im schlechtesten Fall auf das Bonding.

Der Traum für die finanziell rentable Geburtshilfe: Planbarkeit und hohe Auslastung. Die Rate der geplanten Kaiserschnitte steigt zunehmend, das Vertrauen in medizinische Gerätschaften ist höher als in einen Jahrmillionen alten Prozess, Wehen werden provoziert oder gebremst, Schmerzen werden weginfusioniert.

Dabei ist, was eine werdende Mutter wirklich braucht, nur recht wenig: Vertrauen in den Geburtsprozess, Privatsphäre und Ruhe. Und die Sicherheit, dass – im Falle eines tatsächlichen Notfalles – Hilfe parat steht.

Was eine werdende Mutter gerade nicht braucht, sind Angst und Stress.

In unserem hochprivilegierten Land stehen wirtschaftliche Faktoren gerne der Menschlichkeit im Weg. Und das schon ab dem Moment der Geburt. Kleine Geburtshilfen schließen, die Hausgeburt wird gleichzeitig sowohl den Hebammen als auch den Müttern erschwert. Suggeriert wird, dass es ohne Kinderklinik gar nicht gehe und ein geplanter Kaiserschnitt auf Wunsch eine gute Sache sei, eine Schwangerschaft ein einziges Risiko und eine werdende Mutter ohne Ärzte und Überwachung nicht gebärfähig.

Versteht mich richtig: Die moderne Medizin ist ein Segen. Im Notfall rettet sie Leben. Und für all die Frauen, die sich sicherer fühlen im Klinikumfeld ist es wichtig, dass sie dorthin gehen können. Auch ich habe in einem kleinen Haus entbunden, das Ableger vom Robert-Bosch-Klinikum ist – ein reines Beleghaus, in dem ich die ganze Geburt hinweg ausschließlich von meinem Gyn und meiner Hebamme begleitet wurde – für mich ein Glücksfall.

Wir befinden uns in einer strukturellen Zwickmühle. In der Mühle stecken unsere unabhängige, freie Entscheidungsfindung als werdende Eltern, das Vertrauen in die grundmenschliche Fähigkeit zu gebären zusammen mit der Gesundheit unserer Neugeborenen. Und da stecken wir nun gemeinsam mit der harten Realität in Zahlen, Daten und Fakten.

Wir brauchen Alternativen, wenn die kleinen, feinen und familiären Geburtshilfestationen in die Knie gehen. Belegkliniken sind eine Alternative.
Es muss aber auch wieder möglich sein, zu Hause zu gebären. Von Hebammen geleitete Geburtshäuser müssen her.

Überhaupt diskutieren wir seit ewigen Monaten um die Lage und Stellung der Hebammen in diesem Land, unterschreiben Petitionen um Petitionen und es ändert sich nichts.

Was sagt es über ein Land aus, das der eigenverantwortlichen, selbstbestimmten Geburt einer Frau mit Begleitung und Unterstützung von erfahrenen und gut ausgebildeten Hebammen so wenig Bedeutung beimisst?

Was ist das für ein System, das der Natur am laufenden Band ins Handwerk pfuscht und das Wunder der Geburt, den Frieden, den dieser Moment verdient, die innige Bindung zur Mutter ab der Sekunde, die das Neugeborene in dieser ihm völlig fremden, kalten, hellen Welt ankommt, stört?

Was, wenn gerade der Notfall, für den unsere Medizin der rettende Anker sein soll, ein Luxus wird, den zu leisten es sich nicht mehr lohnt?

Grundsatzfragen, die der Landkreis nicht zu lösen vermag. Und doch stehen sie im Raum und verdienen Aufmerksamkeit.

Der Landkreis hat dieser Tage nun die einmalige Gelegenheit, Alternativen zu schaffen, die den Familien, die hier wohnen und dem Nachwuchs, der ihn bereichert und irgendwann selbst gestalten wird, Respekt zollt und ihnen das Gefühl gibt, hier gut aufgehoben zu sein. Vom ersten Moment an.
Das ist ganz und gar nicht trivial und die Bedeutung der Zahlen wird eine große sein.

Ich hoffe. Das Beste.

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