Wir wagen windelfrei

Manneken_Pis_(crop)

Windelfrei.
Total spannendes Thema, fand ich.
Total einleuchtend, fand ich.
Völlig unvorstellbar, fand ich.
Und absolut und mit Sicherheit total unpraktikabel.

Einen Sack voll guter Gründe konnte ich anführen, es bei einer total spannenden Idee zu belassen und den Jungen Jahr um Jahr in Windeln zu wickeln, bis er schließlich freudig vor mir stehen und verkünden sollte „ich geh ab jetzt aufs Klo“. Oder wie funktioniert das sonst mit dem sogenannten „Trocken werden“?!

Meine Lieblingsgründe, es auf die lange Bank zu schieben waren:

Ich versteh die Signale einfach nicht.
Dann das Gehetze beim Abhalten, dass auch ja nix daneben geht.
Der gute Parkettboden, wenn es dann doch daneben geht.
Und das in einer Mietswohnung.
Wenn ich den Bub nackig lasse, dann ist das doch viel zu kalt.
Sowieso muss das total stressig sein, immer den Lütten im Blick und jede Regung könnte bedeuten „Jetzt muss ich aber mal“.

Die Theorie
Babys kommunizieren vom ersten Moment ihres Daseins ihre Bedürfnisse:
Hunger, Durst, zu kalt, zu warm, müde, gelangweilt, zuviel des Guten…
Und: ich muss mal.
Tatsächlich können Babys nicht wie wir Erwachsenen mit weitreichender Blasenkontrolle glänzen und ihre Ausscheidungen nach Belieben halten und lassen. Doch sie merken, wenn da etwas passiert und sie signalisieren, wenn es soweit ist.

Die Praxis
Ich war ja schon gottfroh, wenn ich denn verstand, was mein Kind mir in seiner unnachahmlichen Weise versuchte mitzuteilen. Diese Sache mit der Ausscheidungskommunikation aber, diese Signale, blieben mir gänzlich schleierhaft. An zwei halbherzigen Nachmittagen mit dem Bub nackig auf einem mit Handtüchern auf Plastikmüllsack wohl präparierten Teppich liegend hab ich gar nix kapiert und konsequent ins Klo gegriffen.

Fröhlich also redete ich mir „wusste ich doch, dass das nicht funktionieren kann“ ein, legte das Thema ad acta und wickelte den Jungen in die hübschen Stoffies.

Da unser Bub schon seit Tag 1 gesegnet ist mit einem quicklebendigen Drang nach vorn, einem erstaunlichen Feinsinn für Integrität und einem unbeugsamen und starken Willen, wurde Wickeln mit zunehmender Mobilität zum Affentanz. Mit acht Monaten avancierte der Wickeltisch zur bloßen Ablage. An Wickeln in schier schwindelerregenden Höhen war nicht mehr zu denken.

Mit jedem Monat mehr äußerte der Spross deutlicher, was er vom Anziehen allgemein und vom Wickeln im Speziellen hielt: Überflüssiger Kokolores. Aus Wickelversuchen wurde Fangen spielen, das oft damit endete, dass ich keinen Bock mehr auf Spielen hatte, für den Lütten der Spaß gerade erst anzufangen schien und ich mir Mal um Mal den Schuh des Spielverderbers anzog. Und der ziepte und drückte nicht schlecht.

Jetzt ist der Bub inzwischen 18 Monate alt und wir haben im Eigenheim Fliesen und Fußbodenheizung. Und ich hab viel über windelfrei gelernt – theoretisch.
Drei gute Gründe plus der ewige Anzieh- und Wickelterz reichten mir für einen neuen Versuch.

Vor drei Wochen schenkten wir dem Sohn die Freiheit.
Keine Windeln und keine Hosen. Tagsüber. Solange wir zu Hause sind.

Liebe Leut, ich kann euch sagen: Ich bin verblüfft.

 

Um vor meiner Lobtirade auf Windelfrei jeglicher eventuell aufkeimender romantischer Illusion vom erfolgreichen Töpfchentraining nach Methode noch geschwind den Wind aus den Segeln zu nehmen:

Windelfrei funktioniert nicht.
Es geht dabei nicht um einen Steno-Plan zum Trockenwerden.
Und auch wenn es gute Impulse gibt, wie z.B. nach Timing oder Signalen oder nach dem puren Quell der Intuition vorzugehen, ist hierbei gar nichts sicher. Schon gar nicht der Teppich, die Couch, der Badvorleger, der Hochstuhl, der Lernturm, jeglicher Fußboden, das Bett oder auch mal der eigene Schoß.

Es geht nicht darum, etwas zu erreichen. Es geht einzig und allein um mehr Verständnis, mehr Vertrauen, mehr Austausch.

Windelfrei ist wie Essen und Trinken invers:
Das Stillen eines Bedürfnisses und die Kommunikation darüber.

Mein Kind hat eine körperliche Regung zum Hunger und Durst. Genauso spürt es, wenn das, was es oben hinein gefüllt hat, fein verdaut und verwertet wieder unten heraus kommt.

Ich ergehe mich an dieser Stelle nicht allzu ausgiebig in der Theorie – weil die aber spannend ist und die Kommunikation über Ausscheidungen leider ein Stiefkind zu Hunger, Durst, Nähe, Kälte, Wärme, Langeweile, Auszeit und Schlaf ist, werde ich das demnächst gesondert nachholen.

So, jetzt aber endlich zu den Detail meiner endlosen Verblüffung.

Die ersten Tage haben wir gewischt. Oft gewischt. Am Ende haben wir mehr Windeln gebraucht, als beim Wickeln, weil wir mit denen gewischt haben. Hab ich erwähnt, wir haben viel gewischt?! Wir haben gewischt. Oft.

Nach ein paar Tagen hatten wir drei Sachen schon ganz gut raus:

  1. Nach dem Schlafen geht`s erst mal auf`s Potty, da geht fast immer was
  2. Das große Geschäft kündigt sich deutlicher an und ist deutlich leichter abzuhalten
  3. Manchmal hat der Bub so einen Blick, so einen speziellen unspeziellen Blick. Da steht er nur da und driftet ab. DAS ist ein Signal. Wenn ich den frühzeitig erkenne, schaffen wir es auch auf den Pot

Jetzt sind drei Wochen vergangen.

Ich bin deswegen so verblüfft, weil der Junge schon nach zwei Wochen bei jedem großen Geschäft den Weg zum Potty gefunden hat. Selbständig. Eine weitere Woche später macht er das auch bei – ich sag mal – der Hälfte aller Pees.

Wenn entweder mein Mann oder ich alleine mit dem Lütten waren, ging eindeutig mehr ins Potty, als wenn wir beide um ihn herumscharwenzelten. Jeder denkt, der andere wird schon gucken und am Ende wird: gewischt.

Ich finde es höchst abgefahren, wie schnell unser Spross die Verbindung vom Gefühl zum Bedürfnis und zur betreffenden Handlung hergestellt hat.

Unsere Bindung hat das nochmal ordentlich intensiviert. Es ist tatsächlich so, dass ich wieder aufmerksamer und differenzierter bei ihm bin. Auch hat das Vertrauen in unsere Kommunikation einen schönen Schub gemacht.

Trotzdem steh ich manchmal echt auf der Leitung:
Gestern. Krabbelgruppe. Der Sohn hat Windeln an. Wenn wir rausgehen, dann mit Windeln. Das macht mich sonst total kirre. Ist erstaunlicherweise auch seit der gewonnenen Freiheit kein Thema mehr für den Rabauken. Wir also in der Krabbelgruppe. Der Bub wird unruhig und zeigt auf die Tür. Wir gehen raus. Ich hab eine Wechselwindel eingepackt. Stelle draußen fest: die Windel ist trocken. Prima. Wieder rein. Junge entspannt sich langsam, da fängt er an, an seiner Hose zu nesteln. Die Windel ist nass…

Gelernt hab ich:
Der Bub wollte mir ganz klar zeigen, dass er mal muss. Und das mit prima viel Zeitpuffer. Wir hätten es locker auf`s Klo geschafft. Nur hat er die Rechnung ohne die Nullcheckung seiner Mutter gemacht 😀

Ich seh da noch Potenzial.

 

 

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Ein Kommentar zu “Wir wagen windelfrei

  1. Witzig!:)))
    Unser Bub ist 7 Monaten alt und seit 7 Monaten macht er fast alles ins Töpfchen :)))))
    Wir benutzen doch immer www, aber 2 Stück am Tag. maximal :))

    Gefällt mir

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