Artgerecht – ausdrückliche Eindrücke einer Ausbildung

Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.
Goethe, Faust I

So tönt der Faust auf einem Osterspaziergang mit seinem Famulus Wagner.
Der Mensch in einer Welt, unbeschwert und frei von Zwängen, frohlockend ob der wieder erweckten Natur – hach, wie könnte das Leben schön sein, wäre das des Lebens Inhalt. Doch weit gefehlt ist des Menschen Leben in der Welt, die ich heut plakativ polemisch seh:

Der Mensch ist ein Schatten seiner wilden Seele, ein domestiziertes Wesen, im Herzen degeneriert, traurig, fahl, zwanghaft beschwert.

Der domestizierte Mensch folgt. Er folgt dem Ruf des Geldes, dem Drang nach Karriere und Anerkennung.

Der domestizierte Mensch funktioniert – am Arbeitsmarkt und im Krieg, sogar in der Familie.

Der domestizierte Mensch braucht nicht viel Platz und schon gar keinen Garten, dafür ein schickes Auto und ein riesen-Zoll Flachbild-Fernsehgerät – denn die Fernsicht aus der Mietswohnung im vierten Stock beschränkt sich auf mediterrane drei Meter zur nächsten Hauswand, mit etwas Glück mit direktem Blick auf den Küchentisch der Nachbarn.

Der domestizierte Mensch ist allein. Herausgefallen aus der Obut des Clans und der Generationen wurschtelt er sich mit gerade mal einer Kleinfamilie oder weniger durch die größte Herausforderung, die dem Menschen angedeihen kann: die eigene Nachkommenschaft.

Mein wildes Herz heult!

Falsche Zeit:
Mein wildes Herz heulte!
Vergangenheit.

Neuerdings darf die Hoffnung mal wieder aus dem Kellerloch und hat Freigang. Es gibt da draußen tatsächlich Menschen, die sich ernsthaft fragen, ob das alles gewesen sein könne. Menschen, die ihr wildes Herz nicht ignorieren und zwanghaft anpassen, sondern seinem Ruf lauschen und folgen.

butterflies-843298_1920Eine Runde höchst verschiedener Frauen kam vor zwei Wochen zur Ausbildung zum Artgerecht-Coach in Köln zusammen: eine jede schön, eine jede großartig, alle etwas Entscheidendes gemeinsam: Den Wunsch nach einem artgerechten Leben.

Ein aufgehobenes, ein wohliges Gefühl war das. Der Moment, in dem sich Kreise schließen, die sich durch ein Leben ziehen.

Menschen, die wir sind: Wie sieht ein Leben aus, das unserem Wesen entspricht?
Was steckt eigentlich in uns Menschenkindern, wenn wir uns in Liebe und Frieden entwickeln dürfen?
Wie schaffen wir Familien es, unseren Kindern bei all den Forderungen an uns in einer Welt, die so weit entfernt ist von einem unserem natürlichen Wesen entsprechenden Umgebung, genau diesen Raum zu schenken, den wir oft selbst längst verdunkelt und verschlossen haben?

Der Schlüssel ist Zuhören und Mitteilen.
Sich selbst und den anderen.
Lauschen, Verstehen, Handeln, Vergeben.

Lachen, Singen, Tanzen, Wüten und Weinen.
Sein und sein lassen.

Eine Woche Ausbildung vor Ort haben mich ordentlich bewegt, gerührt und geschüttelt.

Gekommen ward ich, um Inhalte zu lernen: über die Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen, das Schlafen, das Tragen, über Windelfrei.

Das sind die Themen, die zur artgerechten Pflege von Menschenkindern gehören.

Doch schnell fand ich mich in einer Runde so offener Herzen und so verständnisvoller Gleichgesinnter, dass alle Dämme brachen.

Auf einmal waren die Themen meine und der Inhalt ich.

Und wenngleich ich zu keiner Zeit windelfrei ernsthaft praktiziert habe, spielte das überhaupt keine Rolle. Die Art und Weise, wie Nicola und Julia – Gründerinnen des Artgerecht-Projekts und unsere werten Ausbilderinnen – mit den Themen umgehen und sie vermitteln ist so herrlich undogmatisch und so wunderbar willkommen heißend. Das erste Mal in dem letzten Jahr als frischgebackene Mutter hatte ich von ganzem Herzen das Gefühl angenommen zu sein, mich für nichts rechtfertigen zu müssen und alles gut zu machen.

Bald werde ich die Prüfung absolviert haben und selbst als Artgerecht-Coach Eltern so willkommen heißen dürfen und ihnen den Raum und die Information geben können, ihren eigenen, passenden und liebevollen Weg für ihre kleine Familie zu finden.

Ich freu mich drauf.

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